Dienstag, 30. November 2010

Zeige mir deinen Ausweis, und ich sage dir, wer du bist

Wie sich die Zeiten ändern: Was man sich heute mit Corel Draw und einem Laminiergerät (für 9,95 bei Pearl zu haben, vermute ich) innerhalb von zehn Minuten ohne nennenswerten Aufwand an Geld und Mühe selber zusammenbastelt, musste man sich 1975 noch für DM 46,80 (zuzüglich Nachnahme) vom famosen Gleissle-Versand bestellen. Und was erhielt man für diesen damals durchaus erklecklichen Betrag? Ein lachhaftes Kärtchen, das heute nicht einmal mehr nigerianische E-Mail-Betrüger verwenden würden, aus Angst, sich damit zu blamieren.

Es mag ja durchaus sein, dass Frauen sich interessante Männer wünschen, wie der Anzeigentext behauptet. Aber Peinlichkeiten machen mitnichten interessant. Und dieser brillante Sonderausweis ist eine Peinlichkeit erster Klasse. Man beachte den Vermerk: Die auf dem Lichtbild ausgewiesene Person ist ermächtigt, die in ihrem Dienstbereich liegenden Aufgaben auszuführen. Eine Frau, die nicht sofort bemerkt, dass diese Aussage nichts weiter als erschreckend substanzlose heiße Luft ist, dürfte sich wahrscheinlich auch als zu blöd zum Atmen erweisen, von anderen Tätigkeiten mal ganz abgesehen. Und ein Mann, der solche Frauen zu seinem Ideal erkoren hat, verdient es nicht besser, als um DM 46,80 (zuzüglich Nachnahme) geneppt zu werden und sich dann zum Oberdeppen zu machen. Letzteres wäre übrigens sicher auch ein sehr schöner Aufdruck für den Sonderausweis.

Sonntag, 28. November 2010

Fett, Mann!

Die Vergangenheit ist ein fremdes Land. Und ein äußerst seltsames obendrein. Während uns heute allerorten Warnungen vor den Gefahren ausufernden Körpergewichts serviert werden und zahllose Frauen in Frustration versinken, da sie nicht die Proportionen bleistiftdünner Magermodels aufweisen, hatte man 1963 ganz andere Sorgen. Damals lautete die bange Furcht, man könne vielleicht zu mager sein.

Was sollten auch die Nachbarn denken, wenn man so dürr war? Am Ende wurde vielleicht noch getuschelt, man könne sich keine gute Butter leisten und würde nicht wie anständige Menschen nachmittags Schmalzgebäck verzehren. Doch es gab Abhilfe für die bemitleidenswerten Mageren!

Die vorgeblich von irgendeinem Pharmazeuten namens Heidrich ersonnenen Virchosan-Dragees sollten beim gezielten Fettwerden helfen. Den Damen wurde eine volle Figur in Aussicht gestellt, was vermutlich Anno '63 als besonders erstrebenswert galt, heute aber nur noch im Vorderen Orient ein Nischendasein als traditionsorientiertes Schönheitsideal fristet. Google fördert übrigens keinerlei Spuren des Selbstmäster-Medikaments zutage, und das Deutsche Patent- und Markenamt verzeichnet keine Registrierung des Begriffs Virchosan. Vermutlich ging S. Thoenig nicht ganz zu Unrecht davon aus, dass niemand versuchen würde, seine superknorken Wampenwuchs-Pillen zu kopieren.

Samstag, 27. November 2010

Der Tischtennistisch, das unbekannte Wesen

Ich frage mich ernsthaft, warum sich der Fabrikverkauf von Tischtennisplatten nicht als Geschäftsmodell durchsetzen konnte. In den späten 50er Jahren jedenfalls muss bei den Konsumenten nicht nur eine enorme Nachfrage nach Ping-Pong-Möbeln bestanden haben, sondern auch eine erhebliche Sensiblisierung für die Vorteile des Erwerbs beim Direkterzeuger, wobei sicher auch Neid und großzügige Mengenrabatt-Staffelungen eine Rolle spielten - wieso nur einen Tisch erwerben, wenn der Nachbar schon zwei hat und zudem bei Abnahme von einem Dutzend satte 3% Nachlass gewährt werden? Der Tischtennistisch, ein vergessener Motor des Wirtschaftswunders.

Genussreicheres Fernsehen - dank Tina und der Post


Ich wittere eine Verschwörung der Unterhaltungselektronik-Industrie. Anders ist nicht zu erklären, wie dieses fabelhafte Produkt in Vergessenheit geraten konnte. Bino-Scope war der Name des Wunderdings, und es verhieß vielfach genußreicheres Fernsehen. So konnte Opa schon 1967 die Sparschweinderlfütterung bei Was bin ich verfolgen, als säße er vor einer Cinemascope-Leinwand. Grandios, was der Tina-Versand featuring die Post damals möglich machte!

Nun ja, nüchtern betrachtet handelte es sich um simple Vergrößerungslinsen, die man sich vor die Augen klemmte und die vermutlich spätestens nach fünf Minuten für hämmernde Kopfschmerzen und Übelkeit sorgten. Und der Farbfilter (ein- und ausschaltbar! Wohin wird die Technik uns noch führen?) machte aus dem 47cm-Schwarzweißfernseher aus dem Hause Grundig mitnichten einen gigantischen Farbfernseher, sondern dürfte auf dem robusten Low-Tech-Prinzip "ich schaue durch buntes Glas und freue mich wie ein Schneekönig" basiert haben. Hinzu kommt, dass jeder, der diesen Apparillo auf der Nase trug, unvermeidlich wie ein durchgeknallter Schweißer aussah und bei seinen Mitmenschen eher Zweifel an der geistigen Zurechnungsfähigkeit denn Neid auf die Fähigkeit zum gesteigerten Fernsehgenuss hervorgerufen haben wird.