Donnerstag, 9. Dezember 2010

Für harte Männer mit weichen Birnen

Was ist an dieser Anzeige eigentlich erstaunlicher? Ist es die Dreistigkeit, mit der hier nach Vollidioten für hundsgewöhnliche Drückerkolonnen gefischt wird? Denn jeder, der mehr als ein Dutzend funktionsfähige Gehirnzellen besitzt, sollte eigentlich sofort erkennen, dass es schlicht und einfach darum geht, Fußvolk zu finden, welches gnadenlos zum Klinkenputzen verdonnert wird und versuchen muss, an der Tür gutgläubigen Hausfrauen irgendeinen läppischen Plunder zu astronomischen Preisen anzudrehen. Und wenn es da heißt, es sei kein Eigenkapital notwendig, dann sollten erst recht die Alarmglocken schrillen: Diese Wörtchen verheißen nichts Gutes. Vielmehr bekommt der frischgebackene Vertreter einen Berg unverkäufliches Zeug aufgedrückt, wofür Phantasiepreise veranschlagt werden, zu denen der Kokolores nie loszuwerden ist. Und großzügigerweise wird man ihm anbieten, den Betrag von seinen ersten Einkünften zu begleichen. Natürlich wird er dazu nicht genug verkaufen, aber sein Drückerchef wird gnädig sein und ihm gestatten, seine Schulden auf die Einkünfte der nächsten Verkaufstouren anzurechnen ... und immer so weiter. Und wehe, du versuchst, da wieder rauszukommen, Junge. Du hast einen Vertrag unterschrieben, in dem du dich verpflichtest, jeden Monat einen Kofferraum voller überteuertem Krimskrams abzunehmen. Wenn du den nicht loswirst, ist das dein Problem. Ebenso wie der Berg Schulden, der sich bei jeder Drehung der Spirale höher auftürmt.

Ja, sollte uns das am meisten faszinieren? Oder doch eher die Tatsache, dass in der seltsamen Welt des Jahres 1975 schnarchige Ohrfeigengesichter mit quer über die Glatze gekämmten und mit zwei Pfund Brisk-Creme angeklatschten Haaren sowie getönten CDU-Ortsverbandsvorsitzendenbrillen als ideale Verkörperung des Typus harter Mann galten?

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Wie man (nicht) Detektiv wird


Der Detektivberuf hat einen gewissen Reiz für die Männerwelt. Das ist kein Wunder, wissen wir doch durch zahllose Filme, dass Detektive eisenharte Typen sind, die aufregende Aufträge von geheimnisvollen, erotischen Witwen erhalten, mit denen die Herren Privatermittler im Normalfall auch die Matratze teilen dürfen. Dass die Realität normalerweise darin besteht, bei Eiseskälte in einem verbeulten Opel Astra zu hocken und zu warten, bis der untreue Ehegemahl der angejahrten Auftraggeberin endlich in der Wohnung seiner Sekretärin verschwunden ist und man durch das Schlafzimmerfenster heimlich ein paar belastende dreckige Fotos schießen kann - nun ja, Schwamm drüber. Es ändert wenig am mythischen Ruf der Profession.

Im Jahre 1968 versuchte die eindrucksvoll benannte Int. Privat-Detektiv-Agentur aus der brodelnden Detektivmetropole Lörrach in Baden von der Anziehungskraft des Detektivberufs zu profitieren. Unbescholtene Personen über 18 Jahren - wohlgemerkt zu einer Zeit, als die Volljährigkeit erst mit 21 begann - sollten per Fernkurs die Kunst des Schnüffelns erlernen und dann als Beweis ihrer erworbenen brillanten Qualifikation Abschlusszeugnis, Urkunde und Ausweis erhalten. Bedauerlicherweise war das alles höchstens als Wandschmuck im Gästeklo geeignet. In Deutschland gibt es nämlich keine Ausbildung zum Detektiv, und folglich sind die ganzen (sicherlich mit tollen Logos versehenen) Dokumente wertlos wie alte Wurstpellen. Nebenbei bemerkt: Die Aufgabe eines Detektivs ist es, Dinge herauszufinden. Wer aber nicht einmal in der Lage ist, in Erfahrung zu bringen, dass man hierzulande nichts weiter benötigt als einen problemlos erhältlichen Gewerbeschein, um als Detektiv tätig zu werden, der ist für den Beruf vielleicht nicht übermäßig talentiert.

Dienstag, 30. November 2010

Zeige mir deinen Ausweis, und ich sage dir, wer du bist

Wie sich die Zeiten ändern: Was man sich heute mit Corel Draw und einem Laminiergerät (für 9,95 bei Pearl zu haben, vermute ich) innerhalb von zehn Minuten ohne nennenswerten Aufwand an Geld und Mühe selber zusammenbastelt, musste man sich 1975 noch für DM 46,80 (zuzüglich Nachnahme) vom famosen Gleissle-Versand bestellen. Und was erhielt man für diesen damals durchaus erklecklichen Betrag? Ein lachhaftes Kärtchen, das heute nicht einmal mehr nigerianische E-Mail-Betrüger verwenden würden, aus Angst, sich damit zu blamieren.

Es mag ja durchaus sein, dass Frauen sich interessante Männer wünschen, wie der Anzeigentext behauptet. Aber Peinlichkeiten machen mitnichten interessant. Und dieser brillante Sonderausweis ist eine Peinlichkeit erster Klasse. Man beachte den Vermerk: Die auf dem Lichtbild ausgewiesene Person ist ermächtigt, die in ihrem Dienstbereich liegenden Aufgaben auszuführen. Eine Frau, die nicht sofort bemerkt, dass diese Aussage nichts weiter als erschreckend substanzlose heiße Luft ist, dürfte sich wahrscheinlich auch als zu blöd zum Atmen erweisen, von anderen Tätigkeiten mal ganz abgesehen. Und ein Mann, der solche Frauen zu seinem Ideal erkoren hat, verdient es nicht besser, als um DM 46,80 (zuzüglich Nachnahme) geneppt zu werden und sich dann zum Oberdeppen zu machen. Letzteres wäre übrigens sicher auch ein sehr schöner Aufdruck für den Sonderausweis.

Sonntag, 28. November 2010

Fett, Mann!

Die Vergangenheit ist ein fremdes Land. Und ein äußerst seltsames obendrein. Während uns heute allerorten Warnungen vor den Gefahren ausufernden Körpergewichts serviert werden und zahllose Frauen in Frustration versinken, da sie nicht die Proportionen bleistiftdünner Magermodels aufweisen, hatte man 1963 ganz andere Sorgen. Damals lautete die bange Furcht, man könne vielleicht zu mager sein.

Was sollten auch die Nachbarn denken, wenn man so dürr war? Am Ende wurde vielleicht noch getuschelt, man könne sich keine gute Butter leisten und würde nicht wie anständige Menschen nachmittags Schmalzgebäck verzehren. Doch es gab Abhilfe für die bemitleidenswerten Mageren!

Die vorgeblich von irgendeinem Pharmazeuten namens Heidrich ersonnenen Virchosan-Dragees sollten beim gezielten Fettwerden helfen. Den Damen wurde eine volle Figur in Aussicht gestellt, was vermutlich Anno '63 als besonders erstrebenswert galt, heute aber nur noch im Vorderen Orient ein Nischendasein als traditionsorientiertes Schönheitsideal fristet. Google fördert übrigens keinerlei Spuren des Selbstmäster-Medikaments zutage, und das Deutsche Patent- und Markenamt verzeichnet keine Registrierung des Begriffs Virchosan. Vermutlich ging S. Thoenig nicht ganz zu Unrecht davon aus, dass niemand versuchen würde, seine superknorken Wampenwuchs-Pillen zu kopieren.

Samstag, 27. November 2010

Der Tischtennistisch, das unbekannte Wesen

Ich frage mich ernsthaft, warum sich der Fabrikverkauf von Tischtennisplatten nicht als Geschäftsmodell durchsetzen konnte. In den späten 50er Jahren jedenfalls muss bei den Konsumenten nicht nur eine enorme Nachfrage nach Ping-Pong-Möbeln bestanden haben, sondern auch eine erhebliche Sensiblisierung für die Vorteile des Erwerbs beim Direkterzeuger, wobei sicher auch Neid und großzügige Mengenrabatt-Staffelungen eine Rolle spielten - wieso nur einen Tisch erwerben, wenn der Nachbar schon zwei hat und zudem bei Abnahme von einem Dutzend satte 3% Nachlass gewährt werden? Der Tischtennistisch, ein vergessener Motor des Wirtschaftswunders.

Genussreicheres Fernsehen - dank Tina und der Post


Ich wittere eine Verschwörung der Unterhaltungselektronik-Industrie. Anders ist nicht zu erklären, wie dieses fabelhafte Produkt in Vergessenheit geraten konnte. Bino-Scope war der Name des Wunderdings, und es verhieß vielfach genußreicheres Fernsehen. So konnte Opa schon 1967 die Sparschweinderlfütterung bei Was bin ich verfolgen, als säße er vor einer Cinemascope-Leinwand. Grandios, was der Tina-Versand featuring die Post damals möglich machte!

Nun ja, nüchtern betrachtet handelte es sich um simple Vergrößerungslinsen, die man sich vor die Augen klemmte und die vermutlich spätestens nach fünf Minuten für hämmernde Kopfschmerzen und Übelkeit sorgten. Und der Farbfilter (ein- und ausschaltbar! Wohin wird die Technik uns noch führen?) machte aus dem 47cm-Schwarzweißfernseher aus dem Hause Grundig mitnichten einen gigantischen Farbfernseher, sondern dürfte auf dem robusten Low-Tech-Prinzip "ich schaue durch buntes Glas und freue mich wie ein Schneekönig" basiert haben. Hinzu kommt, dass jeder, der diesen Apparillo auf der Nase trug, unvermeidlich wie ein durchgeknallter Schweißer aussah und bei seinen Mitmenschen eher Zweifel an der geistigen Zurechnungsfähigkeit denn Neid auf die Fähigkeit zum gesteigerten Fernsehgenuss hervorgerufen haben wird.